Rezension “Vox” von Christina Dalcher

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Was würdest du tun, wenn dir nur noch 100 Worte am Tag bleiben?

Das muss sich auch Jean fragen, denn in der Welt in „Vox“ dürfen Frauen nur 100 Worte am Tag reden. Alle tragen ein Armband, einen Wortzähler, der jedes Wort aufnimmt, wie ein Schrittzähler. Überschreiten die Frauen ihr Limit, bekommen sie Stromstöße.
Das Ganze dient einer perversen Phantasie eines fanatischen rechten Heteromann, der Gott über alles stellt und die Bibel ein bisschen zu krass interpretiert. Freuen seien demnach niedere Wesen, die nur dazu da sind, Männern zu gehorchen, ihnen zu dienen und sie zu verehren, wie die Abbilder Gottes, als das sie sich sehen.
Alle Aufmüpfigen und alle nicht hetero Menschen werden in Lager gesteckt, in denen sie keine Wörter pro Tag haben, sondern harte Farmarbeit leisten müssen und versucht wird, sie zu Zwangsheteronormatisieren.

Jean ist eine Mutter von 4 Kindern, die mit ihrem Ehemann, der ausgerechnet für die Regierung arbeitet, in einem Häuschen lebt. Sie hat drei Söhne und eine Tochter, die ebenfalls einen Wortzähler trägt. Jean war mal Neurolinguistin, aber nun ist sie Hausfrau und Mutter, eben wie eine gute Frau sein sollte. Als jedoch der Bruder des Präsidenten (das alles spielt in der USA) bei einem Skiunfall verunglückt und genau die Krankheit bekommt, die Jean versuchte zu bekämpfen, werden ihr die Worte wiedergegeben – unter der Voraussetzung, dass sie das Gegenmittel fertig stellt.

Doch das Gegenmittel ist nicht das einzige, worauf die Männer der Obrigkeit es abgesehen haben…

Achtung Spoiler!

Soweit zum Inhalt. Ich fand, dass das Buch sehr gut klingt, als ich es zum ersten Mal sah und alle auf Instagram davon sprachen. Ich dachte: Wow! Was für ein geniales Setting und was für ein tolles Gedankenexperiment. Daraus könnte sicherlich eine richtig gute feministische Geschichte entstehen.

Es dauerte eine Weile, bis ich das Buch in die Hand bekam, aber nun war es endlich soweit. Der Anfang ist auch richtig gut. Mich hat das, was dort passiert, so unendlich wütend gemacht. Die Männer in diesem Buch sind furchtbar, genau so, wie man sie für so eine Story braucht. Jeans Sohn Steven sagt immer genau das, was Männer wohl angeblich immer denken und es bringt mein Blut zum kochen. Manchmal musste ich beim Lesen eine Pause machen, weil ich so wütend wurde.

Noch wütender wurde ich jedoch leider am Ende des Buches. Denn irgendwie war mir das zu wenig Aufstand. Zu wenig kämpferisch, zu wenig zur Gleichberechtigung von Frauen und Männern und den Rechten aller, ob hetero- oder homosexuell (wir reden mal nicht davon, das alles andere „erased“ wurde. Alle scheinen in den USA von „Vox“ cis zu sein.).

Männer – Hero of the day… again

Denn mal ehrlich: Am Ende ist es wieder ein MANN der alle rettet? Jean ist nur die Protagonistin, weil sie eine Frau ist und man deswegen mehr in die Wut hineinversetzt wird, wenn man nichts tun kann, nichts tun darf und nichts sagen darf. Aber sie TUT nichts. Lorenzo macht das Gegenmittel, bzw. das Gift. Und Patrick, Jeans Ehemann, verabreicht sie den wichtigen Männern, bzw. jagt sie in die Luft. Und was macht Jean? Kann sich nicht entscheiden, welches ihrer Kinder sie im Stich lässt. Und heult nur rum, dass sie damals gegen ihre Studienfreundin Jackie gewettert hat und sie auslachte und jetzt ihre Hilfe bräuchte, weil genau das eingetreten ist, was sie immer belächelte. „Hier doch nicht. Nicht im 21. Jahrhundert.“ Haha.

So spannend ich das ganze Experiment der 100 Worte am Tag auch fand – ich dachte damit wird noch etwas gemacht. Worte sind wichtig, geschrieben oder gesagt, das ist die Moral. Ohne Worte können wir nichts auslösen. Schweigen ist unser Untergang. Aber ich dachte wirklich, es gäbe irgendeine Art Aufstand _ohne_ Worte. Aber nein, Jean bekommt ihre Worte wieder und nutzt sie kaum. Sie zettelt keinen Aufstand an, keine Rebellion. Sie erfährt nur davon und setzt Puzzleteile zusammen, wie ihre kleine Tochter, die erst stolz darauf war nicht zu reden und dann ihre Klappe nicht mehr halten kann (und das innerhalb von 2 Tagen…).

Mich störte, dass Worte so wenig damit zu tun hatten – mit der ganzen Geschichte. Mich nervte, dass das Wort „Vox“ nirgends vorkam und ich somit keinen Bezug von Titel und Inhalt herstellen konnte. Mich nervten all die störrischen und ekelerregenden Männer in dieser Geschichte, aber noch schlimmer fand ich Jean, die sich dem allen ergab und dann so tat als wäre sie die Rebellin des Jahrhunderts. Mich stört, dass es am Ende keine Revolution gab, sondern nur ein Malheur. Mich nervt, dass die einzige Lösung der Kerngruppe es war, das gleiche den Männern anzutun, was sie den Frauen antun wollten. Wo bleibt denn da die Gerechtigkeit? Natürlich sind diese Männer Abschaum und sollten bestraft werden, aber wo zieht man die Linie zwischen „dieser Mann ist gut, dieser ist böse.“

Dann war da noch die ganze sexistische Kackscheiße gegenüber Männern. Jean war in ihren Gedanken so mega sexistisch, dass es schon gar nicht mehr nett war. Ja, man versteht ihren Hass, aber warum muss sie die eine Art Mann so runter machen? Als ob ihr Ehemann kein echter Mann sei, nur weil er eben anders ist, als ihr Lover Lorenzo. Großen Augenrollen.

Ich fand, dass „Vox“ stark begann und langsam, mit voranschreitender Erkenntnis von Jean ob ihrer Schwangerschaft und ihrem Verhältnis zu Lorenzo, immer mehr abnahm. Die Wut, die in mir aufgebaut wurde durch die wirklich schlimmen Sachen, die Steven sagte, die passierten, dass diese Wut einfach verpuffte, während Jean und Lorenzo in diesem Labor waren, abgeschottet von allem, und sich darüber unterhielten, wie sie fliehen könnten.

Vielleicht verstehe ich nur einfach die Geschichte nicht. Vielleicht habe ich ein falsches Bild auf die Sache. Aber das ist mein erster Eindruck nach dem Lesen. Ich habe dieser Rezension extra einen Tag Zeit gegeben, in meinem Kopf zu reifen, doch meine Meinung änderte sich nicht wirklich.

Wie findet ihr das Buch?