Rezension „Was wäre ich ohne Dich?“ von Guillaume Musso

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Der neue Musso Roman! Endlich, dachte ich, als ich Zeit fand ihn zu lesen. Ich bekam ihn schon vor einer Weile von Piper zugesandt. Vielen Dank dafür schonmal!

Für Januar nahm ich mir dann vor, die ganzen Rezensionsexemplare wegzulesen. Und da alle von dem neuen Musso schwärmten, nahm ich ihn natürlich als Numero Uno auf die Prioritätenliste. (Ja, „Vox“ schlich sich noch davor, aber auch nur, weil das ein ausgeliehenes Buch war.)

Nachdem ich ja ein paar Probleme mit „Das Atelier in Paris“ hatte, aber es dennoch overall mochte, war ich wahrscheinlich etwas zu sehr „verblendet“ von all den guten Stimmen.

Denn ganz ehrlich: Ich mochte „Was wäre ich ohne Dich?“ absolut gar nicht. ¯\_(ツ)_/¯ Ich habe dem Buch bei Goodreads zwei Sterne gegeben. Weil:

Positiv: Es liest sich super schnell.
Negativ: Alles andere.

Warum zwei Sterne? Weil ich denke, dass die Idee ganz nett ist. Sie ist nur richtig beschissen (sorry) umgesetzt. Obwohl es fast 400 Seiten sind, fühlt sich nichts richtig ausgearbeitet an. Es gibt keine sichtbare Charakterentwicklung, keine Journey, zumindest keine SICHTBARE. Das muss man dazu sagen. Denn angeblich ändern sich gewisse Menschen, aber als Leser bekommt man da leider nicht viel mit. Man wundert sich plötzlich nur, warum die Figuren ganz anders handeln.

Ich hatte das ganze Buch über das Gefühl, dass die Story viel besser als Film wäre. Viele Szenen kommen einem wie ein Skript vor (oder sehen teilweise sogar so aus!!! S. 134 zum Beispiel) und sind so hohl. Ich glaube diese „hohlen“ Szenen könnten durch Musik und Bilder gerettet werden, was sie zu einem Ganzen machen würden. Aber so, auf dem Papier, sind sie echt leer.

Ich habe mir während dem Lesen immer wieder Notizen gemacht. Das musste ich auch, denn teilweise konnte ich gar nicht so viel mit den Augen rollen und das Buch wegwerfen. In meinen Notizen finden sich mindestens 7 Augenrolle-Emojis und ein Table-flip-Emoji.

Der Inhalt

Aber kommen wir kurz zum Inhalt. Vorrangig geht es um Martin, einem Polizisten in Frankreich, der dem Meisterdieb Archibald auf den Versen ist. Gleichzeitig sehnt er sich nach seiner vergangen großen Liebe Gabrielle aus San Francisco, die er dort kennenlernte, als er da mal kurz zum Austausch war. Es endete aber nicht gut zwischen den beiden. Seitdem sind beider Leben irgendwie nicht mehr lebenswert. (Warum auch immer).

Als Archibald angeblich einen wertvollen Diamanten in San Francisco stehlen soll, wird Martin angeworben, zusammen mit dem FBI in San Fran zu arbeiten und Archibald festzunehmen. Also muss er sich seiner vergangen Liebe stellen.

Soweit zum Inhalt. Spoilerfrei. Was dann passiert, kann man sich irgendwie schon zusammen reimen.

What the actual hell?

Es gibt sooo viele Sideplots, die später keine Rolle mehr spielen und nie wieder aufgegriffen werden. Ich denke, sie sollten den Charakteren Tiefe geben, zeigen mir aber nur eine Menge Plotholes, die überall rumliegen und man sich dann irgendwie drumherum schlängeln muss. Ich werde nicht alle meine Notizen einfügen, aber ein paar Sachen möchte ich dennoch ansprechen.
Achtung Spoiler!

  • Martin wohnt in einem Atelier in Paris, in dem wir ihn EINMAL sehen. Seine Vermieterin heißt Mrs. Hudson. Atelier in Paris? Hieß so nicht das vorige Buch? Und Mrs. Hudson? Sherlock Holmes anyone?
  • Camille. Als Martin das erste Mal auf Camille angesprochen wird, weiß er nicht, wer gemeint sein soll. Dann gibt es einen Flashback von seiner Zeit im Drogendezernat und dann heißt es plötzlich, er besuche Camille JEDE WOCHE. Was nimmt er bitte selbst für Drogen, dass er sie VERGISST?
  • Die osteuropäische Kunsthistorikerin, die sehr hübsch ist, mit ihrem Master aber nix anfangen kann (I can relate) und sich prostituiert. KLISCHEE hoch zehntausend. Aber Martin spielt natürlich den Helden und hilft ihr wieder auf die richtige Bahn zu kommen. Klar.
  • S. 176: „Martin verabscheute es, unaufgefordert in ein Privatleben einzudringen.“ Es geht um Archibald Leben und er ist Polizist! Verpeil ich hier irgendwas?
  • Krebs, Schlaganfall, Tochter. Enough said.
  • Archibald ist nicht nur ein Meisterdieb, sondern auch ein Meisterstalker.
  • Auf S.211 wird klar, dass der allwissende Erzähler sein Wissen unbewusst mit seinen Figuren teilt. Martin weiß absolut genau, wie er Szenen deuten muss.
  • S. 214: „Dass sie einen Kompass brauchte, der sie leitete, Arme, die sie umschlangen, Fäuste, die sie beschützen konnten.“ *deepsigh* Weil Frauen nur komplett sind, wenn sie einen „Echten“ Mann an ihrer Seite haben. Klar. Dabei hat Gabrielle wirklich viel mit ihrem Leben gemacht, sie hilft Menschen in Not und so.
  • Die Beziehung zwischen Gabrielle und Martin ist so… undurchsichtig? Entweder will er, aber sie nicht, oder sie, aber er nicht. Erst ist sie angewidert von ihm, aber dann schickt sie ihm anzügliche Nachrichten und will Kinder. Ohhhkay.
  • Papa darf alles. Auch ihr Tagebuch abfotografieren und heimlich Fotos von ihr und ihren Liebschaften machen und sie jahrelang an ihrem Geburtstag stalken.
  • Neue Figuren, die zu später Stunde noch eingeführt werden, aus absolut keinem wirklichen Grund. Sie haben keinerlei Funktion. (Lizzie, Claire usw)
  • Der Showdown auf der Golden Gate Bridge und alles was danach kommt: großes Augenrollen.
  • Die Metapher mit dem Koma finde ich ausnahmsweise okay, ist auch keine neue Metapher. Aber leider ist das ganze nur dazu da, um die beiden Männer der Geschichte zu Helden zu machen.
  • Die Mutter verstehe ich sehr gut. Die einzige Stelle im Buch wo ich dachte: ja, okay, diese Handlung verstehe ich durchaus.
  • Wir reden nicht über den Epilog. Niemals.

So ganz allgemein finde ich die Klischees furchtbar. Die Frauen sind allesamt zierlich und hübsch und immer schlank. Sie haben immer eine Schönheit in sich, die nur die Männer sehen, um die es geht. Die Männer können noch so abgeranzt und furchtbar sein, sie haben immer den Charme oder „das Besondere“ ™ , dem die Frauen verfallen.

Man merkt leider total, dass das Buch von einem Mann geschrieben worden ist. Männer sind nämlich die Helden, in allen Situationen. Martin rettet mindestens 4 Frauen mit seinen Aktionen. MÄNNER SIND DIE BESTEN ÜBERHAUPT JAAAA. Dazu gibt es dann noch so richtig schönen sexistischen Content:

Gabrielle und ihr Vater reden.
Sie: Ich brauche keinen Mann! (Vorher sagte sie was anderes…)
Er: Doch, eine Frau braucht einen Mann!
Sie: Nein. Aber schau, Martin ist ein echter Mann!

Oder auch diese Perle von Satz:
„Wenn eine Frau Nein sagt, bedeutet das oft: Ja, aber ich habe Angst.“ (S.321)

(hier musste ich mich wirklich stark zusammenreissen, um das Buch nicht sofort in tausend Stücke zu reissen.)

Das ist nur eine Auswahl an den degradierenden Sachen im Buch. Da gibt es noch mehr, aber das waren so die krassesten.

Nachdem ich jetzt ein anderes Buch angefangen habe zu lesen (auch ein Rezensionsbuch), ist mir aufgefallen, was mich die ganze Zeit an diesem hier gestört hat: der allwissende Erzähler. Jedes Mal, wenn ein neues Setting vorkommt, gibt der Erzähler eine kleinen historischen, völlig unwichtigen Überblick über den Ort. Dieses Wissen ist zwar eine schöne Ergänzung, aber nichts, was die Story vorantreibt und auch nichts, was die Figuren sehen/denken/fühlen/sagen. Und das stört mich persönlich tierisch. Wenn es wenigstens die Figur wäre, die Dinge weiß, oder sieht und erlebt, wie in normalen Büchern, dann wäre es organisch und nicht so gewollt.

Allgemein glaube ich, dass vieles viel zu gewollt ist. Das hatte ich beim „Atelier in Paris“ ja auch schon bemängelt, dass es so eingestreute Knowledge-Batzen gibt, die die Figuren intelligenter wirken lassen sollen. Genauso wirkt es hier auch. Die Über-Recherche und Extra-Artigkeit machen das Buch unorganisch und holprig. Auch die ganzen Figuren, die einen einzigen Auftritt haben und dann nie wieder vorkommen, fühlen sich eher nach NPCs an, als nach echten Figuren. Schade.

Die zwei Sterne, die ich dem Buch gab, sind also wirklich lieb gemeint. Aber mehr kann ich einfach nicht mit mir vereinbaren.

Wie fandet ihr das Buch? Schreibt mir auf Goodreads oder Twitter.